Home Page In English,auf English In German,auf Deutsch by Author by Title Home Page In English,auf English In German,auf Deutsch by Author by Title
 

Kabale und Liebe
Friedrich von Schiller
Fünfter Akt. Page 2

Miller (warnend zu Luisen). Um Gottes Willen, Tochter! Vergiß nicht! Vergiß nicht!

Luise. O dieser Brief, mein Vater-Ferdinand. Daß er in die unrechten Hände fiel?--Gepriesen sei mir der Zufall, er hat größere Thaten gethan, als die klügelnde Vernunft, und wird besser bestehn an jenem Tag, als der Witz aller Weisen--Zufall, sage ich?--O die Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein Teufel entlarvt werden soll?--Antwort will ich!--Schriebst du diesen Brief?

Miller (seitwärts zu ihr mit Beschwörung). Standhaft! Standhaft, meine Tochter! Nur noch das einzige Ja, und Alles ist überwunden.

Ferdinand. Lustig! lustig! Auch der Vater betrogen! Alles betrogen. Nun sieh, wie sie dasteht, die Schändliche, und selbst ihre Zunge nun ihrer letzten Lüge den Gehorsam aufkündigt! Schwöre bei Gott, bei dem fürchterlich wahren! Schriebst du diesen Brief?

Luise (nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem Vater gesprochen hat, fest und entscheidend). Ich schrieb ihn.

Ferdinand (bleibe erschrocken stehen). Luise!--Nein! So wahr meine Seele lebt! du lügst--Auch die Unschuld bekennt sich auf der Folterbank zu Freveln, die sie nie beging--Ich fragte zu heftig--Nicht wahr, Luise--Du bekanntest nur, weil ich zu heftig fragte?

Luise. Ich bekannte, was wahr ist.

Ferdinand. Nein, sag' ich! nein! nein! Du schriebst nicht. Es ist deine Hand gar nicht--Und wäre sie's, warum sollten Handschriften schwerer nachzumachen sein, als Herzen zu verderben? Rede mir wahr, Luise--Oder nein, nein, thu' es nicht, du könntest Ja sagen, und ich wär' verloren--Eine Lüge, Luise--ein Lüge!--O wenn du jetzt eine wüßtest, mir hinwärfest mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur mein Aug überredetest, dieses Herz auch noch so abscheulich täuschtest--O Luise! Alle Wahrheit möchte dann mit diesem Hauch aus der Schöpfung wandern und die gute Sache ihren starren Hals von nun an zu einem höfischen Bückling beugen! (Mit scheuem bebendem Ton.) Schriebst du diesen Brief?

Luise. Bei Gott! bei dem fürchterlich wahren! Ja!

Ferdinand (nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzes). Weib! Weib!--Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst!--Theile mit diesem Gesicht Paradiese aus, du wirst selbst im Reich der Verdammniß keinen Käufer finden--Wußtest du, was du mir warst, Luise? Unmöglich! Nein! Du wußtest nicht, daß du mir Alles warst! Alles! --Es ist ein armes verächtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Mühe, es zu umwandern; Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin--Alles! und so frevelhaft damit zu spielen--O, es ist schrecklich!-Luise. Sie haben mein Geständniß, Herr von Walter. Ich habe mich selbst verdammt. Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglücklich waren.

Ferdinand. Gut! gut! Ich bin ja ruhig--ruhig, sagt man ja, ist auch der schaudernde Strich Landes, worüber die Pest ging--ich bin's. (Nach einigem Nachdenken.) Noch eine Bitte, Luise--die letzte! Mein Kopf brennt so fieberisch. Ich brauch Kühlung--Willst du mir ein Glas Limonade zurecht machen? (Luise geht ab.)

Dritte Scene.

Ferdinand und Miller.

(Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Pausen lang auf den entgegengesetzten Seiten des Zimmers auf und ab).

Ferdinand. Laß Er es gut sein, Miller. (Wieder einige Schritte.) Miller, ich weiß nur kaum noch, wie ich in Sein Haus kam--Was war die Veranlassung?

Miller. Wie, Herr Major? Sie wollten ja Lection auf der Flöte bei mir nehmen? Das wissen Sie nicht mehr?

Ferdinand (rasch). Ich sah Seine Tochter! (Wiederum einige Pausen.) Er hat nicht Wort gehalten, Freund. Wir accordierten Ruhe für meine einsamen Stunden. Er betrog mich und verkaufte mir Skorpionen. (Da er Millers Bewegung sieht.) Nein, erschrick nur nicht, alter Mann. (Gerührt an seinem Hals.) Du bist nicht schuldig.

Miller (die Augen wischend). Das weiß der allwissende Gott!

Ferdinand (aufs neue hin und her, in düstres Grübeln versunken). Seltsam, o unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns. An dünnen unmerkbaren Seilen hängen oft fürchterliche Gewichte--Wüßte der Mensch, daß er an diesem Apfel den Tod essen sollte--Hum!--Wüßte er das? (Heftiger auf und nieder, dann Millers Hand mit starker Bewegung fassend.) Mann! Ich bezahle dir dein Bischen Flöte zu theuer--und du gewinnst nicht einmal--auch du verlierst--verlierst vielleicht Alles. (Gepreßt von ihm weggehend.) Unglückseliges Flötenspiel, das mir nie hätte einfallen sollen!

Miller (sucht seine Rührung zu verbergen). Die Limonade bleibt auch gar zu lang außen. Ich denke, ich sehe nach, wenn Sie mir's nicht für übel nehmen-Ferdinand. Es eilt nicht, lieber Miller. (Vor sich hinmurmelnd.) Zumal für den Vater nicht--Bleib' Er nur--Was hatt' ich doch fragen wollen?--Ja!--Ist Luise Seine einzige Tochter? Sonst hat Er keine Kinder mehr?

Miller (warm). Habe sonst keins mehr, Baron--wünsch' mir auch keins mehr. Das Mädel ist just so recht, mein ganzes Vaterherz einzustecken--hab' meine ganze Baarschaft von Liebe an der Tochter schon zugesetzt.

Ferdinand (heftig erschüttert). Ha!--Seh' Er doch lieber nach dem Trank, guter Miller. (Miller ab.)

Vierte Scene.

Ferdinand allein.

Das einzige Kind!--Fühlst du das, Mörder? Das einzige! Mörder! hörst du, das einzige?--Und der Mann hat auf der großen Welt Gottes nichts, als sein Instrument und das einzige--Du willst's ihm rauben?

Rauben?--rauben den letzten Nothpfenning einem Bettler? Die Krücke zerbrochen vor die Füße werfen dem Lahmen? Wie? Hab' ich auch Brust für das?--Und wenn er nun heimeilt und nicht erwarten kann, die ganze Summe seiner Freuden vom Gesicht dieser Tochter herunter zu zählen, und hereintritt und sie da liegt, die Blume--welk--todt--zertreten, muthwillig, die letzte, einzige, unüberschwängliche Hoffnung--Ha, und er dasteht vor ihr, und dasteht und ihm die ganze Natur den lebendigen Odem anhält, und sein erstarrter Blick die entvölkerte Unendlichkeit fruchtlos durchwandert, Gott sucht, und Gott nicht mehr finden kann und leerer zurückkommt--Gott! Gott! Aber auch mein Vater hat diesen einzigen Sohn--den einzigen Sohn, doch nicht den einzigen Reichthum--(Nach einer Pause.) Doch wie? Was verliert er denn? Das Mädchen, dem die heiligsten Gefühle der Liebe nur Puppen waren, wird es den Vater glücklich machen können?--Es wird nicht, es wird nicht! Und ich verdiene noch Dank, daß ich die Natter zertrete, ehe sie auch noch den Vater verwundet.

Fünfte Scene.

Miller, der zurückkommt, und Ferdinand.

Miller. Gleich sollen Sie bedient sein, Baron! Draußen sitzt das arme Ding und will sich zu Tod weinen. Sie wird Ihnen mit der Limonade auch Thränen zu trinken geben.

Ferdinand. Und wohl, wenn's nur Thränen wären!--Weil wir vorhin von der Musik sprachen, Miller--(Eine Börse ziehend.) Ich bin noch Sein Schuldner.

Miller. Wie? Was? Gehen Sie mir, Baron! Wofür halten Sie mich? Das steht ja in guter Hand, thun Sie mir doch den Schimpf nicht an, und sind wir ja, will's Gott, nicht das letzte Mal bei einander.

Ferdinand. Wer kann das wissen? Nehm' Er nur. Es ist für Leben und Sterben.

Miller (lachend). O deßwegen, Baron! Auf den Fall, denk' ich, kann man's wagen bei Ihnen.

Ferdinand. Man wagte wirklich--Hat Er nie gehört, daß Jünglinge gefallen sind--Mädchen und Jünglinge, die Kinder der Hoffnung, die Luftschlösser betrogener Väter--Was Wurm und Alter nicht thun, kann oft ein Donnerschlag ausrichten--Auch Seine Luise ist nicht unsterblich.

Miller. Ich hab' sie von Gott.

Ferdinand. Hör' Er--Ich sag' Ihm, sie ist nicht unsterblich. Diese Tochter ist Sein Augapfel. Er hat sich mit Herz und Seel' an diese Tochter gehängt. Sei Er vorsichtig, Miller. Nur ein verzweifelter Spieler setzt Alles auf einen einzigen Wurf. Einen Waghals nennt man den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermögen ladet--Hör' Er, denk' Er der Warnung nach--Aber warum nimmt Er Sein Geld nicht?

Miller. Was, Herr? die ganze allmächtige Börse? Wohin denken Eure Gnaden?

Ferdinand. Auf meine Schuldigkeit--Da! (Er wirft den Beutel auf den Tisch, daß Goldstücke herausfallen.) Ich kann den Quark nicht eine Ewigkeit so halten.

Miller (bestürzt). Was beim großen Gott? Der klang nicht wie Silbergeld! (Er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen.) Wie, um aller Himmel willen, Baron? Baron? Wie sind Sie? Was treiben Sie, Baron? Das nenn' ich mir Zerstreuung! (Mit zusammengeschlagenen Händen.) Hier liegt ja--oder bin ich verhext,--oder--Gott verdamm mich! Da greif' ich ja das baare, gelbe, leibhaftige Gottesgold--Nein, Satanas! Du sollst mich nicht daran kriegen!

Ferdinand. Hat Er Alten oder Neuen getrunken, Miller?

Miller (grob). Donner und Wetter! Da schauen Sie nur hin!--Gold!

Ferdinand. Und was weiter?

Miller. Ins Henkers Namen--ich sage--ich bitte Sie um Gottes Christi willen--Gold!

Ferdinand. Das ist nun freilich etwas Merkwürdiges.

Miller (nach einigem Stillschweigen zu ihm gehend, mit Empfindung). Gnädiger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich etwa zu einem Bubenstück anspannen wollen--denn so viel Geld läßt sich, weißt Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen.

Ferdinand (bewegt). Sei Er ganz getrost, lieber Miller. Das Geld hat Er längst verdient, und Gott bewahre mich, daß ich mich mit Seinem guten Gewissen dafür bezahlt machen sollte.

Miller (wie ein Halbnarr in die Höhe springend). Mein also! mein! Mit des guten Gottes Wissen und Willen, mein! (Nach der Thür laufend, schreiend.) Weib! Tochter! Victoria! Herbei! (Zurückkommend.) Aber du lieber Himmel! Wie komm' ich denn so auf einmal zu dem ganzen grausamen Reichthum? Wie verdien' ich ihn? lohn' ich ihn? Heh?

Ferdinand. Nicht mit Seinen Musikstunden, Miller.--Mit dem Geld hier bezahl' ich Ihm, (von Schauern ergriffen hält er inn) bezahl' ich Ihm (nach einer Pause mit Wehmuth) den drei Monat langen glücklichen Traum von Seiner Tochter.

Miller (faßt seine Hand, die er stark drückt). Gnädiger Herr! Wären Sie ein schlechter, geringer Bürgersmann--(rasch) und mein Mädel liebte Sie nicht--erstechen wollt' ich's, das Mädel! (Wieder beim Geld, darauf niedergeschlagen.) Aber da hab' ich ja nun Alles und Sie nichts, und da werd' ich nun das ganze Gaudium wieder herausblechen müssen? Heh?

Ferdinand. Laß Er sich das nicht anfechten, Freund--Ich reise ab, und in dem Land, wo ich mich zu setzen gedenke, gelten die Stempel nicht.

Miller (unterdessen mit unverwandten Augen auf das Gold hingeheftet, voll Entzückung). Bleibt's also mein? Bleibt's?--Aber das thut mir nur leid, daß Sie verreisen--Und wart, was ich jetzt auftreten will! Wie ich die Backen jetzt vollnehmen will! (Er setzt den Hut auf und schießt durch das Zimmer.) Und auf den Markt will ich und meine Musikstunden geben und Numero fünfe Dreikönig rauchen, und wenn ich wieder auf dem Dreibatzenplatz sitze, soll mich der Teufel holen. (Will fort.)

Ferdinand. Bleib' Er! Schweig' Er! und streich' Er sein Geld ein! (Nachdrücklich.) Nur diesen Abend noch schweig' Er und geb' Er, mir zu Gefallen, von nun an keine Musikstunden mehr.

Miller (noch hitziger und ihn hart an der Weste fassend, voll inniger Freude). Und, Herr! meine Tochter! (Ihn werden loslassend.) Geld macht den Mann nicht--Geld nicht--Ich habe Kartoffeln gegessen oder ein wildes Huhn; satt ist satt, und dieser Rock da ist ewig gut, wenn Gottes liebe Sonne nicht durch den Ärmel scheint--Für mich ist das Plunder--Aber dem Mädel soll der Segen bekommen; was ich ihr nur an den Augen absehen kann, soll sie haben-Ferdinand (fällt rasch ein). Stille, o stille-Miller (immer feuriger). Und soll mir Französisch lernen aus dem Fundament und Menuet-Tanzen und Singen, daß man's in den Zeitungen lesen soll; und eine Haube soll sie tragen, wie die Hofrathstöchter, und einen Kidebarri, wie sie's heißen, und von der Geigerstochter soll man reden auf vier Meilen weit-Ferdinand (ergreift seine Hand mit der schrecklichsten Bewegung). Nichts mehr! Nichts mehr! Um Gotteswillen, schweig' Er still! Nur noch heute schweig' Er still! Das sei der einzige Dank, den ich von Ihm fordre.

Sechste Scene.

Luise (mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie dem Major das Glas auf einem Teller bringt). Sie befehlen, wenn sie nicht stark genug ist.

Ferdinand (nimmt das Glas, setzt es nieder und dreht sich rasch gegen Millern). O beinahe hätt' ich das vergessen!--Darf ich Ihn um etwas bitten, lieber Miller? Will Er mir einen kleinen Gefallen thun?

Miller. Tausend für einen! Was befehlen-Ferdinand. Man wird mich bei der Tafel erwarten. Zum Unglück hab' ich eine sehr böse Laune. Es ist mir ganz unmöglich, unter Menschen zu gehn--Will Er einen Gang thun zu meinem Vater und mich entschuldigen?

Luise (erschrickt und fällt schnell ein). Den Gang kann ja ich thun.

Miller. Zum Präsidenten?

Ferdinand. Nicht zu ihm selbst. Er übergibt Seinen Auftrag in der Garderobe einem Kammerdiener--Zu Seiner Legitimation ist hier meine Uhr--Ich bin noch da, wenn Er wieder kommt.--Er wartet auf Antwort.

Luise (sehr ängstlich). Kann denn ich das nicht auch besorgen?

Ferdinand (zu Millern, der eben fort will). Halt, und noch etwas! Hier ist ein Brief an meinen Vater, der diesen Abend an mich eingeschlossen kam--Vielleicht dringende Geschäfte--Es geht in einer Bestellung hin-Miller. Schon gut, Baron!

 
© 2007 ahanova.com