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Kabale und Liebe
Friedrich von Schiller
Erster Akt. Page 2

Miller (beugt sich gerührt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das Gesicht). Höre, Luise--das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gäb' es hin, hättest du den Major nie gesehen.

Luise (erschrocken). Was sagt Er da? was?--Nein, er meint es anders, der gute Vater. Er wird nicht wissen, daß Ferdinand mein ist, mir geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden. (Sie steht nachdenkend.) Als ich ihn das Erstemal sah--(rascher) und mir das Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung sprach, jeder Athem lispelte: er ist's!--und mein Herz den Immermangelnden erkannte, bekräftigte: er ist's! und wie das wiederklang durch die ganze mitfreuende Welt! Damals--o damals ging in meiner Seele der erste Morgen auf. Tausend junge Gefühle schossen aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Frühling wird. Ich sah keine Welt mehr, und doch besinn' ich mich, daß sie niemals so schön war. Ich wußte von keinem Gott mehr, und doch hatt' ich ihn nie so geliebt.

Luise. Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater! Dieser karge Thautropfen Zeit--schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollüstig auf. Ich entsag' ihm für dieses Leben. Dann, Mutter--dann wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen--wenn von uns abspringen all die verhaßten Hülsen des Standes--Menschen nur Menschen sind--Ich bringe nichts mit mir, als meine Unschuld; aber der Vater hat ja so oft gesagt, daß der Schmuck und die prächtigen Titel wohlfeil werden, wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen. Ich werde dann reich sein. Dort rechnet man Thränen für Triumphe und schöne Gedanken für Ahnen an. Ich werde dann vornehm sein, Mutter--Was hätte er dann noch vor seinem Mädchen voraus?

Frau. Mein Gott! Wie seh' ich aus; ich muß mich ja schämen. Ich darf mich nicht vor seiner Gnaden so sehen lassen. (Ab.)

Vierte Scene.

Ferdinand von Walter. Luise.

(Er fliegt auf sie zu--sie sinkt entfärbt und matt auf einen Sessel--er bleibt vor ihr stehn--sie sehen sich eine Zeitlang stillschweigend an. Pause.)

Ferdinand. Du bist blaß, Luise?

Luise (steht auf und fällt ihm um den Hals). Es ist nichts! nichts! Du bist ja da. Es ist vorüber.

Ferdinand (ihr Hand nehmend und zum Munde führend). Und liebt mich meine Luise noch? Mein Herz ist das gestrige, ist's auch das deine noch? Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist, und gehn und es auch sein--Du bist's nicht.

Luise. Doch, doch, mein Geliebter.

Ferdinand. Rede mir Wahrheit. Du bist's nicht. Ich schau durch deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. (Zeigt auf seinen Ring.) Hier wirft sich kein Bläschen auf, das ich nicht merkte--kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte. Was hast du? Geschwind! Weiß ich nur diesen Spiegel helle, so läuft keine Wolke über die Welt. Was bekümmert dich?

Luise (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth). Ferdinand! Ferdinand! Daß du doch wüßtest, wie schön in dieser Sprache das bürgerliche Mädchen sich ausnimmt-Ferdinand. Was ist das? (Befremdet.) Mädchen! Höre! wie kommst du auf das?--Du bist meine Luise. Wer sagt dir, daß du noch etwas sein solltest? Siehst du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen muß. Wärest du ganz nur Liebe für mich, wann hättest du Zeit gehabt, eine Vergleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine Vernunft in einen Blick--in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe?--Schäme dich! Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem Jüngling gestohlen.

Luise (faßt seine Hand, indem sie den Kopf schüttelt). Du willst mich einschläfern, Ferdinand--willst meine Augen von diesem Abgrund hinweglocken, in den ich ganz gewiß stürzen muß. Ich seh' in die Zukunft--die Stimme des Ruhms--deine Entwürfe--dein Vater--mein Nichts. (Erschrickt und läßt plötzlich seine Hand fahren.) Ferdinand! Ein Dolch über dir und mir!--Man trennt uns!

Ferdinand. Trennt uns! (Er springt auf.) Woher bringst du diese Ahnung, Luise? Trennt uns?--Wer kann den Bund zweier Herzen lösen, oder die Töne eines Accords auseinander reißen?--Ich bin ein Edelmann--Laß doch sehen, ob mein Adelbrief älter ist, als der Riß zum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gültiger, als die Handschrift des Himmels in Luisens Augen: dieses Weib ist für diesen Mann?--Ich bin des Präsidenten Sohn. Eben darum. Wer, als die Liebe, kann mir die Flüche versüßen, die mir der Landeswucher meines Vaters vermachen wird?

Luise. O wie sehr fürcht' ich ihn--diesen Vater!

Ferdinand. Ich fürchte nichts--nichts--als die Grenzen deiner Liebe. Laß auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen und drüber hin in Luisens Arme fliegen. Die Stürme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen, Gefahren werden meine Luise nur reizender machen.--Also nichts mehr von Furcht, meine Liebe. Ich selbst--ich will über dir wachen, wie der Zauberdrach über unterirdischem Golde--Mir vertraue dich! Du brauchst keinen Engel mehr--Ich will mich zwischen dich und das Schicksal werfen--empfangen für dich jede Wunde--auffassen für dich jeden Tropfen aus dem Becher der Freude--dir ihn bringen in die Schale der Liebe. (Sie zärtlich umfassend.) An diesem Arm soll meine Luise durchs Leben hüpfen; schöner, als er dich von sich ließ, soll der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, daß nur die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte-Luise (drückt ihn von sich, in großer Bewegung). Nichts mehr! Ich bitte dich, schweig! --Wüßtest du--Laß mich--du weißt nicht, daß deine Hoffnungen mein Herz wie Furien anfallen. (Will fort.)

Ferdinand (hält sie auf). Luise? Wie! Was! Welche Anwandlung?

Luise. Ich hatte diese Träume vergessen und war glücklich--Jetzt! jetzt! von heut an--der Friede meines Lebens ist aus--Wilde Wünsche--ich weiß es--werden in meinem Busen rasen.--Geh--Gott vergebe dir's--Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden. (Sie stürzt hinaus. Er folgt ihr sprachlos nach.)

Fünfte Scene.

Saal beim Präsidenten.

Der Präsident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Seite, und Secretär Wurm treten auf.

Wurm. Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen.

Präsident. Daß er der Bürgercanaille den Hof macht--Flatterieen sagt--auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert--das sind lauter Sachen, die ich möglich finde--verzeihlich finde--aber--und noch gar die Tochter eines Musikus, sagt Er?

Wurm. Musikmeister Millers Tochter.

Präsident. Hübsch--Zwar das versteht sich.

Wurm (lebhaft). Das schönste Exemplar einer Blondine, die, nicht zu viel gesagt, neben den ersten Schönheiten des Hofes noch Figur machen würde.

Präsident (lacht). Er sagt mir, Wurm--Er habe ein Aug auf das Ding--das find' ich. Aber sieht Er, mein lieber Wurm--daß mein Sohn Gefühl für das Frauenzimmer hat, macht mir Hoffnung, daß ihn die Damen nicht hassen werden. Er kann bei Hof etwas durchsetzen. Das Mädchen ist schön, sagt Er; das gefällt mir an meinem Sohn, daß er Geschmack hat. Spiegelt er der Närrin solide Absichten vor? Noch besser--so seh' ich, daß er Witz genug hat, in seinen Beutel zu lügen. Er kann Präsident werden. Setzt er es noch dazu durch? Herrlich! das zeigt mir an, daß er Glück hat.--Schließt sich die Farce mit einem gesunden Enkel--unvergleichlich! so trink' ich auf die guten Aspecten meines Stammbaums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die Scortationsstrafe für seine Dirne.

Wurm. Alles, was ich wünsche, Ihr' Excellenz, ist, daß Sie nicht nöthig haben möchten, diese Bouteille zu Ihrer Zerstreuung zu trinken.

Präsident. Und ich dächte, sie bliebe ganz weg. Dummer Teufel, was verschlägt es denn Ihm, ob Er die Karolin frisch aus der Münze oder vom Bankier bekommt. Tröst' Er sich mit dem hiesigen Adel--wissentlich oder nicht--bei uns wird selten eine Mariage geschlossen, wo nicht wenigstens ein halb Dutzend der Gäste--oder der Aufwärter--das Paradies des Bräutigams geometrisch ermessen kann.

Wurm (verbeugt sich). Ich mache hier gern den Bürgersmann, gnädiger Herr.

Präsident. Überdies kann Er mit Nächstem die Freude haben, seinem Nebenbuhler den Spott auf die schönste Art heimzugeben. Eben jetzt liegt der Anschlag im Kabinet, daß, auf die Ankunft der neuen Herzogin, Lady Milford zum Schein den Abschied erhalten und, den Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen soll. Er weiß, Wurm, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einfluß der Lady stützt--wie überhaupt meine mächtigsten Springfedern in die Wallungen des Fürsten hineinspielen. Der Herzog sucht eine Partie für die Milford. Ein Anderer kann sich melden--den Kauf schließen, mit der Dame das Vertrauen des Fürsten anreißen, sich ihm unentbehrlich machen--Damit nun der Fürst im Netz meiner Familie bleibe, soll mein Ferdinand die Milford heirathen--Ist Ihm das helle?

Präsident. Zum Glück war mir noch nie für die Ausführung eines Entwurfes bang, wo ich mich mit einem: es soll so sein! einstellen konnte.--Aber seh' Er nun, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen Punkt geleitet. Ich kündige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine Vermählung an. Das Gesicht, das er mir zeigen wird, soll Seinen Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen.

Wurm. Gnädiger Herr, ich bitte sehr um Vergebung. Das finstre Gesicht, das er Ihnen ganz zuverlässig zeigt, läßt sich eben so gut auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zuführen, als derjenigen, die Sie ihm nehmen. Ich ersuche Sie um eine schärfere Probe. Wählen Sie ihm die untadelichste Partie im Lande, und sagt er Ja, so lassen Sie den Secretär Wurm drei Jahre Kugeln schleifen.

Präsident (heißt die Lippen). Teufel!

Wurm. Es ist nicht anders! Die Mutter--die Dummheit selbst--hat mir in der Einfalt zu viel geplaudert.

Präsident (geht auf und nieder, preßt seinen Zorn zurück). Gut! Diesen Morgen noch.

Wurm. Nur vergessen Ew. Excellenz nicht, daß der Major--der Sohn meines Herrn ist!

Wurm. Und daß der Dienst, Ihnen von einer unwillkommenen Schwiegertochter zu helfen-Präsident. Den Gegendienst werth ist, Ihm zu einer Frau zu helfen?--Auch das, Wurm!

Wurm (bückt sich vergnügt). Ewig der Ihrige, gnädiger Herr! (Er will gehen.)

Präsident. Was ich Ihm vorhin vertraut habe, Wurm! (Drohend.) Wenn Er plaudert-Wurm (lacht). So zeigen Ihr' Excellenz meine falschen Handschriften auf. (er geht ab.)

Präsident. Zwar bist du mir gewiß! Ich halte dich an deiner eigenen Schurkerei, wie den Schröter am Faden.

Ein Kammerdiener (tritt herein). Hofmarschall von Kalb-Präsident. Kommt wie gerufen.--Er soll mir angenehm sein. (Kammerdiener geht.)

Sechste Scene.

Hofmarschall von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid, mit Kammerherrnschlüsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und frisiert à la Hérisson. Er fliegt mit großem Gekreisch auf den Präsidenten zu und breitet einen Bisamgeruch über das ganze Parterre. Präsident.

Hofmarschall (ihn umarmend). Ah guten Morgen, mein Bester! Wie geruht? wie geschlafen?--Sie verzeihen doch, daß ich so spät das Vergnügen habe--dringende Geschäfte--der Küchenzettel--Visitenbillets--das Arrangement der Partieen auf die heutige Schlittenfahrt--Ah--und dann mußt' ich ja auch bei dem Lever zugegen sein und Seiner Durchleucht das Wetter verkündigen.

Präsident. Ja, Marschall, da haben Sie freilich nicht abkommen können.

Präsident. Und doch fix und fertig?

Hofmarschall. Das ist noch nicht Alles.--Ein Malheur jagt heut das andere. Hören Sie nur!

Präsident (zerstreut). Ist das möglich?

Hofmarschall. Hören Sie nur! Ich steige kaum aus dem Wagen, so werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, daß mir--ich bitte Sie!--der Gassenkoth über und über an die Beinkleider spritzt. Was anzufangen? Setzen Sie sich um Gotteswillen in meine Lage, Baron! Da stand ich. Spät war es. Eine Tagreise ist es--und in dem Aufzug vor Seine Durchleucht! Gott der Gerechte!--Was fällt mir bei? Ich fingiere eine Ohnmacht. Man bringt mich über Hals und Kopf in die Kutsche. Ich in voller Carrière nach Haus--wechsle die Kleider--fahre zurück--Was sagen Sie?--und bin noch der erste in der Antichambre--Was denken Sie?-Präsident. Ein herrliches Impromptu des menschlichen Witzes--Doch das beiseite, Kalb--Sie sprachen also schon mit dem Herzog?

Hofmarschall (wichtig). Zwanzig Minuten und eine halbe.

Hofmarschall (ernsthaft, nach einigem Stillschweigen). Seine Durchleucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an.

Präsident. Man denke!--Nein, Marschall, so hab' ich doch eine bessere Zeitung für Sie--Daß Lady Milford Majorin von Walter wird, ist Ihnen gewiß etwas Neues?

 
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