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Kabale und Liebe
Friedrich von Schiller
Zweiter Akt. Page 3

Ferdinand. Nichts. Nichts. Es ist überstanden. Ich hab' dich ja wieder. Du hast mich ja wieder. O, laß mich Athem schöpfen an dieser Brust! Es war eine schreckliche Stunde.

Luise. Welche? Du tödtest mich?

Ferdinand (tritt zurück und schaut sie bedeutend an). Eine Stunde, Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gewalt sich warf--wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblaßte--wo meine Luise aufhörte, ihrem Ferdinand Alles zu sein-Luise (sinkt mit verhülltem Gesicht auf den Sessel nieder).

Ferdinand (geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem Blick vor ihr stehen, dann verläßt er sie plötzlich, in großer Bewegung). Nein! Nimmermehr! Unmöglich, Lady! Zu viel verlangt! Ich kann dir diese Unschuld nicht opfern--Nein, beim unendlichen Gott! ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels Donner aus diesem brechenden Auge mahnt--Lady, blick hieher--hieher, du Rabenvater--Ich soll diesen Engel würgen! Die Hölle soll ich in diesen himmlischen Busen schütten? (Mit Entschluß auf sie zueilend.) Ich will sie führen vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe Verbrechen ist, soll der Ewige sagen. (Er faßt sie bei der Hand und hebt sie vom Sessel.) Fasse Muth, meine Theuerste!--Du hast gewonnen! Als Sieger komm' ich aus dem gefährlichsten Kampf zurück.

Luise. Nein! Nein! Verhehle mir nichts. Sprich es aus, das entsetzliche Urtheil. Deinen Vater nanntest du? Du nanntest die Lady?--Schauer des Todes ergreifen mich--Man sagt, sie wird heirathen.

Ferdinand (stürzt betäubt zu Luisens Füßen nieder). Mich, Unglückselige!

Luise (nach einer Pause, mit stillem bebenden Ton und schrecklicher Ruhe). Nun--was erschreck' ich denn? Der alte Mann dort hat mir's ja oft gesagt--ich hab' es ihm nie glauben wollen. (Pause, dann wirft sie sich Millern laut weinend in die Arme.). Vater, hier ist deine Tochter wieder--Verzeihung, Vater!--Dein Kind kann ja nicht dafür, daß dieser Traum so schön war, und--so fürchterlich jetzt das Erwachen-Miller. Luise! Luise!--O Gott, sie ist von sich--Meine Tochter, mein armes Kind--Fluch über den Verführer!--Fluch über das Weib, das ihm kuppelte!

Frau (wirft sich jammernd auf Luisen). Verdien' ich diesen Fluch, meine Tochter? Vergeb's Ihnen Gott, Baron!--Was hat dieses Lamm gethan, daß Sie es würgen?

Ferdinand (springt an ihr auf, voll Entschlossenheit). Aber ich will seine Kabalen durchbohren--durchreißen will ich alle diese eisernen Ketten des Vorurtheils--Frei wie ein Mann will ich wählen, daß diese Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln! (Er will fort.)

Frau (eilt ihm nach, hängt sich an ihn). Der Präsident wird hieher kommen--Er wird unser Kind mißhandeln--Er wird uns mißhandeln--Herr von Walter, und Sie verlassen uns?

Ferdinand (kommt zurück und geht auf und ab in tiefen Gedanken). Zwar die Gewalt des Präsident ist groß--Vaterrecht ist ein weites Wort--der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er kann es weit damit treiben--weit!--Doch aufs Äußerste treibt's nur die Liebe--Hier, Luise! Deine Hand ist die meinige! (Er faßt diese heftig.) So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll! --der Augenblick, der diese zwei Hände trennt, zerreißt auch den Faden zwischen mir und der Schöpfung!

Luise. Mir wird bange! Blick' weg! Deine Lippen beben! Dein Auge rollt fürchterlich-Ferdinand. Nein, Luise! Zittre nicht! Es ist nicht Wahnsinn, was aus mir redet. Es ist das köstliche Geschenk des Himmels, Entschluß in dem geltenden Augenblick, wo die gepreßte Brust nur durch etwas Unerhörtes sich Luft macht--Ich liebe dich, Luise--Du sollst mir bleiben, Luise--Jetzt zu meinem Vater! (Er eilt schnell fort und rennt--gegen den Präsident.)

Sechste Scene.

Der Präsident mit einem Gefolge von Bedienten. Vorige.

Präsident (im Hereintreten). Da ist er schon.

Alle (erschrocken).

Präsident. Wo der Sohn Gehorsam gegen den Vater lernt?

Miller. Stadtmusikant Miller.

Präsident (zur Frau). Sie die Mutter?

Ferdinand (zu Millern). Vater, bring Er die Tochter weg--sie droht eine Ohnmacht.

Präsident. Überflüssige Sorgfalt! Ich will sie anstreichen. (Zu Luisen.) Wie lang kennt Sie den Sohn des Präsidenten?

Luise. Diesem habe ich nie nachgefragt. Ferdinand von Walter besucht mich seit dem November.

Ferdinand. Betet sie an.

Präsident. Erhielt sie Versicherungen?

Ferdinand. Vor wenig Augenblicken die feierlichste im Angesicht Gottes.

Präsident (zornig zu seinem Sohn). Zur Beichte deiner Thorheit wird man dir schon das Zeichen geben. (Zu Luisen.) Ich warte auf Antwort.

Luise. Er schwur mir Liebe.

Ferdinand. Und wird sie halten.

Präsident. Muß ich befehlen, daß du schweigst?--Nahm Sie den Schwur an?

Luise (zärtlich). Ich erwiederte ihn.

Ferdinand (mit fester Stimme). Der Bund ist geschlossen.

Präsident. Ich werde das Echo hinaus werfen lassen. (Boshaft zu Luisen.) Aber er bezahlte Sie doch jederzeit baar?

Luise (aufmerksam). Diese Frage verstehe ich nicht ganz.

Präsident (mit beißendem Lachen). Nicht? Nun! ich meine nur--Jedes Handwerk hat, wie man sagt, einen goldenen Boden--auch Sie, hoff' ich, wird Ihre Gunst nicht verschenkt haben--oder war's Ihr vielleicht mit dem bloßen Verschluß gedient? Wie?

Ferdinand (fährt wie rasend auf). Hölle! was war das?

Luise (zum Major mit Würde und Unwillen). Herr von Walter, jetzt sind Sie frei.

Ferdinand. Vater! Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im Bettlerkleid.

Präsident (lacht lauter). Eine lustige Zumuthung! Der Vater soll die Hure des Sohns respectieren.

Luise (stürzt nieder). O Himmel und Erde!

Ferdinand (mit Luisen zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem Präsidenten zückt, den er aber schnell wieder sinken läßt). Vater! Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern--Es ist bezahlt. (Den Degen einsteckend.) Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt zerrissen da-Miller (der bis jetzt furchtsam auf der Seite gestanden, tritt hervor in Bewegung, wechselweis vor Wuth mit den Zähnen knirschend und vor Angst damit klappernd): Euer Excellenz--Das Kind ist des Vaters Arbeit--Halten zu Gnaden--Wer das Kind eine Mähre schilt, schlägt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig um Ohrfeig--Das ist so Tax bei uns--Halten zu Gnaden.

Frau. Hilf, Herr und Heiland!--Jetzt bricht auch der Alte los--über unserm Kopf wird das Wetter zusammenschlagen.

Präsident (der es nur halb gehört hat). Regt sich der Kuppler auch?--Wir sprechen uns gleich, Kuppler.

Miller. Halten zu Gnaden. Ich heiße Miller, wenn Sie ein Adagio hören wollen--mit Buhlschaften dien' ich nicht. So lang der Hof da noch Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Bürgersleut'. Halten zu Gnaden.

Miller (kommt ihm näher, herzhafter). Deutsch und verständlich. Halten zu Gnaden. Euer Excellenz schalten und walten im Land. Das ist meine Stube. Mein devotestes Compliment, wenn ich dermaleins ein pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf' ich zur Thür hinaus--Halten zu Gnaden.

Präsident (vor Wuth blaß). Was?--Was ist das? (Tritt näher.)

Miller (zieht sich sachte zurück). Das war nur so meine Meinung, Herr--Halten zu Gnaden.

Präsident (in Flammen). Ha, Spitzbube! Ins Zuchthaus spricht dich deine vermessene Meinung--Fort! Man soll Gerichtsdiener holen. (Einige vom Gefolge gehen ab; der Präsident rennt voll Wuth durch das Zimmer.) Vater ins Zuchthaus--an den Pranger Mutter und Metze von Tochter!--Die Gerechtigkeit soll meiner Wuth ihre Arme borgen. Für diesen Schimpf muß ich schreckliche Genugthuung haben--Ein solches Gesindel sollte meine Plane zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn aneinander hetzen?--Ha, Verflucht! Ich will meinen Haß an eurem Untergang sättigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will ich meiner brennenden Rache opfern.

Ferdinand (tritt gelassen und standhaft unter sie hin). O nicht doch! Seit außer Furcht! Ich bin zugegen. (Zum Präsidenten mit Unterwürfigkeit.) Keine Übereilung, mein Vater! Wenn Sie sich selbst lieben, keine Gewaltthätigkeit!--Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, worin das Wort Vater noch nie gehört worden ist--Dringen Sie nicht bis in diese.

Präsident. Nichtswürdiger! Schweig! Reize meinen Grimm nicht noch mehr!

Miller (kommt aus einer dumpfen Betäubung zu sich selbst). Schau du nach deinem Kinde, Frau. Ich laufe zum Herzog--Der Leibschneider--das hat mir Gott eingeblasen!--der Leibschneider lernt die Flöte bei mir. Es kann mir nicht fehlen beim Herzog. (Er will gehen.)

Präsident. Beim Herzog, sagst du?--Hast du vergessen, daß ich die Schwelle bin, worüber du springen oder den Hals brechen mußt?--Beim Herzog, du Dummkopf?--Versuch' es, wenn du, lebendig todt, eine Thurmhöhe tief, unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit der Hölle liebäugelt und Schall und Licht wieder umkehren. Raßle dann mit deinen Ketten und wimmre: Mir ist zu viel geschehen.

Siebente Scene.

Gerichtsdiener. Die Vorigen.

Ferdinand (eilt auf Luisen zu, die ihm halb todt in die Arme fällt). Luise! Hilfe! Rettung! Der Schrecken überwältigt sie!

Miller (ergreift sein spanisches Rohr, setzt den Hut auf und macht sich zum Angriff gefaßt).

Frau (wirft sich auf die Kniee vor dem Präsident).

Präsident (zu den Gerichtsdienern, seinen Orden entblößend). Legt Hand an, im Namen des Herzogs--Weg von der Metze, Junge--Ohnmächtig oder nicht--wenn sie nur erst das eiserne Halsband um hat, wird man sie schon mit Steinwürfen aufwecken.

Miller (reißt seine Frau in die Höhe). Knie vor Gott! alte Heulhure, und nicht vor--Schelmen, weil ich ja doch schon ins Zuchthaus muß.

Präsident (beißt die Lippen). Du kannst dich verrechnen, Bube. Es stehen noch Galgen leer! (Zu den Gerichtsdienern.) Muß ich es noch einmal sagen?

Gerichtsdiener (dringen auf Luisen ein).

Ferdinand (springt an ihr auf und stellt sich vor sie, grimmig). Wer will was? (Er zieht den Degen sammt der Scheide und wehrt sich mit dem Gefäß.) Wag' es, sie anzurühren, wer nicht auch die Hirnschale an die Gerichte vermiethet hat. (Zum Präsident.) Schonen Sie Ihrer selbst! Treiben Sie mich nicht weiter, mein Vater.

Präsident (drohend zu den Gerichtsdienern). Wenn euch euer Brod lieb ist, Memmen-Gerichtsdiener (greifen Luisen wieder an).

Ferdinand. Tod und alle Teufel! Ich sage: Zurück!--Noch einmal! Haben Sie Erbarmen mit sich selbst. Treiben Sie mich nicht aufs Äußerste, Vater.

Präsident (aufgebracht zu den Gerichtsdienern). Ist das euer Diensteifer, Schurken?

Gerichtsdiener (greifen hitziger an).

Präsident (voll Zorn). Ich will doch sehen, ob auch ich diesen Degen fühle. (Er faßt Luisen selbst, zerrt sie in die Höhe und übergibt sie einem Gerichtsknecht.)

Ferdinand (lacht erbittert). Vater, Vater! Sie machen hier ein beißendes Pasquill auf die Gottheit, die sich so übel auf ihre Leute verstund und aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister machte.

Präsident (zu den Übrigen). Fort mit ihr!

Ferdinand. Vater, sie soll an den Pranger stehen, aber mit dem Major, des Präsidenten Sohn--Bestehen Sie noch darauf?

Präsident. Desto possierlicher wird das Spektakel--Fort!

Ferdinand. Vater, ich werfe meinen Officiersdegen auf das Mädchen. --Bestehen Sie noch darauf?

Präsident. Das Porte-Epée ist an deiner Seite des Prangerstehens gewohnt worden--Fort! Fort! Ihr wißt meinen Willen.

Ferdinand (drückt einen Gerichtsdiener weg, faßt Luisen an einem Arm, mit dem andern zückt er den Degen auf sie). Vater! Eh Sie meine Gemahlin beschimpfen, durchstoß' ich sie--Bestehen Sie noch darauf?

Präsident. Thu' es, wenn deine Klinge noch spitzig ist.

Ferdinand (läßt Luisen fahren und blickt fürchterlich zum Himmel). Du, Allmächtiger, bist Zeuge! Kein menschliches Mittel ließ ich unversucht--ich muß zu einem teuflischen schreiten--Ihr führt sie zum Pranger fort, unterdessen (dem Präsidenten ins Ohr rufend) erzähl' ich der Residenz eine Geschichte, wie man Präsident wird. (Ab.)

Präsident (wie vom Blitz gerührt). Was ist das?--Ferdinand--Laßt sie ledig! (Er eilt dem Major nach.)

 
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