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Kabale und Liebe
Friedrich von Schiller
Dritter Akt. Page 1

Saal beim Präsidenten.

Erste Scene.

Präsident. Der Streich war verwünscht.

Wurm. Wie ich befürchtete, gnädiger Herr. Zwang erbittert die Schwärmer immer, aber bekehrt sie nie.

Präsident. Ich hatte mein bestes Vertrauen in diesen Anschlag gesetzt. Ich urtheilte so: Wenn das Mädchen beschimpft wird, muß er, als Officier, zurücktreten.

Präsident. Und doch--wenn ich es jetzt mit kaltem Blut überdenke--Ich hätte mich nicht sollen eintreiben lassen--Es war eine Drohung, woraus er wohl nimmermehr Ernst gemacht hätte.

Wurm. Das denken Sie ja nicht. Der gereizten Leidenschaft ist keine Thorheit zu bunt. Sie sagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf zu Ihrer Regierung geschüttelt. Ich glaub's. Die Grundsätze, die er aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht einleuchten. Was sollten auch die phantastischen Träumereien von Seelengröße und persönlichem Adel an einem Hof, wo die größte Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art, groß und klein zu sein! Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack am langsamen, krummen Gang der Kabale zu finden, und nichts wird seine Ambition in Bewegung setzen, als was groß ist und abenteuerlich.

Präsident (verdrießlich). Aber was wird diese wohlweise Anmerkung an unserm Handel verbessern?

Wurm. Wie wird Ew. Excellenz auf die Wunde hinweisen, und auch vielleicht auf den Verband. Einen solchen Charakter--erlauben Sie--hätte man entweder nie zum Vertrauten, oder niemals zum Feind machen sollen. Er verabscheut das Mittel, wodurch Sie gestiegen sind. Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn, der die Zunge des Verräthers band. Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmäßig abzuschütteln; machen Sie ihn durch wiederholte Stürme auf seine Leidenschaft glauben, daß Sie der zärtliche Vater nicht sind, so dringen die Pflichten des Patrioten bei ihm vor. Ja, schon allein die seltsame Phantasie, der Gerechtigkeit ein so merkwürdiges Opfer zu bringen, könnte Reiz genug für ihn haben, selbst seinen Vater zu stürzen.

Präsident. Wurm--Wurm--Er führt mich da vor einen entsetzlichen Abgrund.

Wurm. Ich will Sie zurückführen, gnädiger Herr. Darf ich freimüthig reden?

Präsident (indem er sich niedersetzt). Wie ein Verdammter zum Mitverdammten.

Wurm. Also verzeihen Sie--Sie haben, dünkt mich, der biegsamen Hofkunst den ganzen Präsidenten zu danken, warum vertrauen Sie ihr nicht auch den Vater an? Ich besinne mich, mit welcher Offenheit Sie Ihren Vorgänger damals zu einer Partie Piquet beredeten und bei ihm die halbe Nacht mit freundschaftlichem Burgunder hinwegschwemmten, und das war doch die nämliche Nacht, wo die große Mine losgehen und den guten Mann in die Luft blasen sollte--Warum zeigten Sie Ihrem Sohne den Feind? Nimmermehr hätte dieser erfahren sollen, daß ich um seine Liebesangelegenheit wisse. Sie hätten den Roman von Seiten des Mädchens unterhöhlt und das Herz Ihres Sohnes behalten. Sie hätten den klugen General gespielt, der den Feind nicht am Kern seiner Truppen faßt, sondern Spaltungen unter den Gliedern stiftet.

Präsident. Wie war das zu machen?

Wurm. Auf die einfachste Art--und die Karten sind noch nicht ganz vergeben. Unterdrücken Sie eine Zeit lang, daß Sie Vater sind. Messen Sie sich mit einer Leidenschaft nicht, die jeder Widerstand nur mächtiger machte--Überlassen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer den Wurm auszubrüten, der sie zerfrißt.

Präsident. Ich bin begierig.

Präsident. Aber woher diesen Gran nehmen?

Präsident. Kann Er noch fragen, Wurm?--Mein ganzer Einfluß ist in Gefahr, wenn die Partie mit der Lady zurückgeht, und wenn ich den Major zwinge, mein Hals.

Präsident. Toller Einfall! Als ob sie sich so geschwind hin bequemen würde, ihr eigenes Todesurtheil zu schreiben?

Wurm. Sie muß, wenn Sie mir freie Hand lassen wollen. Ich kenne das gute Herz auf und nieder. Sie hat nicht mehr als zwo tödtliche Seiten, durch welche wir ihre Gewissen bestürmen können--ihren Vater und den Major. Der letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel; desto freier können wir mit dem Musikanten umspringen.

Präsident. Als zum Exempel?

Wurm. Nach Dem, was Ew. Excellenz mir von dem Auftritt in seinem Hause gesagt haben, wird nichts leichter sein, als den Vater mit einem Halsproceß zu bedrohen. Die Person des Günstlings und Siegelbewahrers ist gewissermaßen der Schatten der Majestät--Beleidigungen gegen jenen sind Verletzungen dieser--Wenigstens will ich den armen Schächer mit diesem zusammengeflickten Kobold durch ein Nadelöhr jagen.

Präsident. Doch--ernsthaft dürfte der Handel nicht werden.

Präsident. Gut! Gut! Ich verstehe.

Wurm. Sie liebt ihren Vater--bis zur Leidenschaft, möcht' ich sagen. Die Gefahr seines Lebens--seiner Freiheit zum Mindesten--die Vorwürfe ihres Gewissens, den Anlaß dazu gegeben zu haben--die Unmöglichkeit, den Major zu besitzen--endlich die Betäubung ihres Kopfs, die ich auf mich nehme--es kann nicht fehlen--sie muß in die Falle gehn.

Präsident. Aber mein Sohn? Wird er nicht auf der Stelle Wind davon haben?

Wurm. Das lassen Sie meine Sorge sein, gnädiger Herr--Vater und Mutter werden nicht eher freigelassen, bis die ganze Familie einen körperlichen Eid darauf abgelegt, den ganzen Vorgang geheim zu halten und den Betrug zu bestätigen.

Präsident. Einen Eid? Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf?

Wurm. Nichts bei uns, gnädiger Herr! Bei dieser Menschenart Alles--Und sehen Sie nun, wie schön wir Beide auf diese Manier zum Ziele kommen werden--Das Mädchen verliert die Liebe des Majors und den Ruf ihrer Tugend. Vater und Mutter ziehen gelindere Saiten auf, und durch und durch weich gemacht von Schicksalen dieser Art, erkennen sie's noch zuletzt für Erbarmung, wenn ich der Tochter durch meine Hand ihre Reputation wieder gebe.

Präsident (lacht unter Kopfschütteln). Ja, ich gebe mich dir überwunden, Schurke! Das Geweb' ist satanisch fein. Der Schüler übertrifft seinen Meister--Nun ist die Frage, an wen das Billet muß gerichtet werden? Mit wem wir sie in Verdacht bringen müssen?

Wurm. Nothwendig mit Jemand, der durch den Entschluß Ihres Sohnes Alles gewinnen oder Alles verlieren muß.

Wurm (nach einigem Nachdenken). Ich weiß nur den Hofmarschall.

Wurm (zuckt die Achseln). Mein Geschmack wär' es nun freilich nicht, wenn ich Luise Millerin hieße.

Präsident. Und warum nicht? Wunderlich! Eine blendende Garderobe--Eine Atmosphäre von Eau de mille fleurs und Bisam--und jedes alberne Wort eine Handvoll Ducaten--und alles Das sollte die Delicatesse einer bürgerlichen Dirne nicht endlich bestechen können? O, guter Freund! so scrupulös ist die Eifersucht nicht! Ich schicke zum Marschall. (Klingelt.)

Wurm. Unterdessen, daß Ew. Excellenz dieses und die Gefangennehmung des Geigers besorgen, werd' ich hingehen und den bewußten Liebesbrief aufsetzen.

Präsident (zum Schreibpult gehend). Den Er mir zum Durchlesen heraufbringt, sobald er zu Stand sein wird. (Wurm geht ab. Der Präsident setzt sich zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht auf und gibt ihm ein Papier.) Dieser Verhaftsbefehl muß ohne Aufschub in die Gerichte--ein Andrer von euch wird den Hofmarschall zu mir bitten.

Kammerdiener. Der gnädige Herr sind so eben hier angefahren.

Präsident. Noch besser--aber die Anstalten sollen mit Vorsicht getroffen werden, sagt ihr, daß kein Aufstand erfolgt.

Kammerdiener. Sehr wohl, Ihr' Excellenz!

Präsident. Versteht ihr? Ganz in der Stille!

Kammerdiener. Ganz gut, Ihr' Excellenz! (Ab.)

Zweite Scene.

Präsident. Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt--Sie kommen erwünscht, lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thätig zu helfen, die uns Beide poussiert, oder völlig zu Grund richtet. Setzen Sie sich.

Hofmarschall. Machen Sie mir nicht Angst, mein Süßer.

Präsident. Wie gesagt--poussiert, oder ganz zu Grund richtet. Sie wissen mein Project mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch, wie unentbehrlich es war, unser Beider Glück zu fixieren. Es kann Alles zusammenfallen, Kalb. Mein Ferdinand will nicht.

Hofmarschall. Will nicht--will nicht--ich hab's ja in der ganzen Stadt schon herumgesagt. Die Mariage ist in Jedermanns Munde.

Präsident. Sie können vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen. Er liebt eine Andere.

Hofmarschall. Sie scherzen. Ist das auch wohl ein Hindernis?

Präsident. Bei dem Trotzkopf das unüberwindlichste.

Hofmarschall. Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich stoßen? Was?

Präsident. Fragen Sie ihn das und hören Sie, was er antwortet.

Hofmarschall. Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten?

Präsident. Daß er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle, wodurch wir gestiegen sind--daß er unsere falschen Briefe und Quittungen angeben--daß er uns Beide ans Messer liefern wolle--das kann er antworten.

Hofmarschall. Sind Sie von Sinnen?

Präsident. Das hat er geantwortet. Das war er schon Willens, ins Werk zu richten--Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine höchste Erniedrigung abgebracht. Was wissen Sie hierauf zu sagen?

Präsident. Das könnte noch hingehen. Aber zugleich hinterbringen mir meine Spionen, daß der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei, um die Lady zu werben.

Hofmarschall. Sie machen mich rasend. Wer sagen Sie? von Bock sagen Sie?--Wissen Sie denn auch, daß wir Todfeinde zusammen sind? Wissen Sie auch, warum wir es sind?

Präsident. Das erste Wort, das ich höre.

Hofmarschall. Bester! Sie werden hören, und aus der Haut werden Sie fahren--Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen--es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr--wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino tröpfelte--Ach Gott, das müssen Sie freilich noch wissen!

Präsident. Wer könnte so was vergessen?

Hofmarschall. Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des Tanzes ein Strumpfband verloren--Alles kommt, wie befreiflich ist, in Allarm--von Bock und ich--wir waren noch Kammerjunker--wir kriechen durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen--endlich erblick ich's--von Bock merkt's--von Bock darauf zu, reißt es mir aus den Händen--ich bitte Sie!--bringt's der Prinzessin und schnappt mir glücklich das Compliment weg--Was denken Sie?

Präsident. Impertinent!

Hofmarschall. Schnappt mir das Compliment weg--Ich meine in Ohnmacht zu sinken. Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden.--Endlich ermann' ich mich, nähere mich Ihrer Durchlaucht und spreche: Gnädigste Frau! von Bock war so glücklich, Höchstdenenselben das Strumpfband zu überreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte, belohnt sich in der Stille und schweigt.

Präsident. Bravo, Marschall! Bravissimo!

Hofmarschall. Und schweigt--Aber ich werd's dem von Bock bis zum jüngsten Gerichte noch nachtragen--der niederträchtige, kriechende Schmeichler!--Und das war noch nicht genug--wie wir beide zugleich auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen Ball.

Präsident. Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste Person am Hof werden wird.

Hofmarschall. Sie stoßen mir ein Messer ins Herz. Wird? wird? Warum wird er? Wo ist die Nothwendigkeit?

Präsident. Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich meldet.

Hofmarschall. Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den Major zum Entschluß zu bringen?--Sei's auch noch so bizarr, so verzweifelt!--Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt nicht willkommen wäre, den verhaßten von Bock auszustechen?

Präsident. Ich weiß nur eines, und das bei Ihnen steht.

Präsident. Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien.

Hofmarschall. Zu entzweien? Wie meinen Sie das?--Und wie mach' ich das?

Präsident. Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mädchen verdächtig machen.

Präsident. Ach nein doch! Wie glaubte er das?--daß sie es noch mit einem Andern habe.

Hofmarschall. Dieser Andre?

Präsident. Müßten Sie sein, Baron.

Hofmarschall. Ich sein? Ich?--Ist sie von Adel?

Präsident. Wozu das? Welcher Einfall!--Eines Musikanten Tochter.

Hofmarschall. Bürgerlich also? Das wird nicht angehen. Was?

Präsident. Was wird nicht angehen? Narrenspossen! Wem unter der Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu fragen?

Hofmarschall. Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann! Und meine Reputation bei Hofe.

Präsident. Das ist was anders. Verzeihen Sie. Ich habe das noch nicht gewußt, daß Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist, als der von Einfluß. Wollen wir abbrechen?

 
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