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Kabale und Liebe
Friedrich von Schiller
Dritter Akt. Page 2

Hofmarschall. Seien Sie klug, Baron. Es war ja nicht so verstanden.

Hofmarschall. Und ich?--Sie haben gut schwatzen, Sie! Sie sind ein Studierter! Aber ich,--mon Dieu!--was bin dann ich, wenn mich Seine Durchleucht entlassen?

Präsident. Ein Bonmot von vorgestern. Die Mode vom vorigen Jahr.

Hofmarschall. Ich beschwöre Sie, Theurer, Goldner!--Ersticken Sie diesen Gedanken! Ich will mir ja Alles gefallen lassen.

Präsident. Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll?

Hofmarschall. Im Namen Gottes! Ich will ihn hergeben.

Präsident. Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem Major zu Gesicht kommen muß?

Hofmarschall. Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von ungefähr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern.

Hofmarschall. Mort de ma vie! Ich will ihn schon waschen! Ich will dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden.

Präsident. Nun geht's nach Wunsch. Der Brief muß noch heute geschrieben sein. Sie müssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen.

Hofmarschall. Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die von allerhöchster Importance sind. Verzeihen Sie also, wenn ich mich ohne Aufschub beurlaube. (Geht.)

Präsident (klingelt). Ich zähle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall.

Hofmarschall (ruft zurück). Ah, mon Dieu!--Sie kennen mich ja.

Dritte Scene.

Der Präsident und Wurm.

Wurm. Der Geiger und seine Frau sind glücklich und ohne alles Geräusch in Verhaft gebracht. Wollen Ew. Excellenz jetzt den Brief überlesen?

Präsident (nachdem er gelesen). Herrlich! herrlich, Secretär! Auch der Marschall hat angebissen!--Ein Gift wie das müßte die Gesundheit selbst in eiternden Aussatz verwandeln--Nun gleich mit den Vorschlägen zum Vater, und dann warm zu der Tochter. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.)

Vierte Scene.

Zimmer in Millers Wohnung.

Luise und Ferdinand.

Luise. Ich bitte dich, höre auf. Ich glaube an keine glücklichen Tage mehr. Alle meine Hoffnungen sind gesunken.

Ferdinand. So sind die meinigen gestiegen. Mein Vater ist aufgereizt; mein Vater wird alle Geschütze gegen uns richten. Er wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu machen. Ich stehe nicht mehr für meine kindliche Pflicht. Wuth und Verzweiflung werden mir das schwarze Geheimniß seiner Mordthat erpressen. Der Sohn wird den Vater in die Hände des Henkers liefern--Es ist die höchste Gefahr--und die höchste Gefahr mußte da sein, wenn meine Liebe den Riesensprung wagen sollte--Höre, Luise--Ein Gedanke, groß und vermessen wie meine Leidenschaft, drängt sich vor meine Seele--Du, Luise, und ich und die Liebe!--liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?

Luise. Brich ab. Nichts mehr. Ich erblasse über Das, was du sagen willst.

Ferdinand. Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn ihren Beifall erbetteln? Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und Alles verloren werden kann?--Wird dieses Aug nicht eben so schmelzend funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im baltischen Meer? Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt. Deine Fußtapfe in wilden, sandigten Wüsten mir interessanter, als das Münster in meiner Heimath--Werden wir die Pracht der Städte vermissen? Wo wir sein mögen, Luise, geht eine Sonne auf, eine unter--Schauspiele, neben welchen der üppigste Schwung der Künste verblaßt. Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so ziehet die Nacht mit begeisterndem Schauern auf, der wechselnde Mond predigt uns Buße, und eine andächtige Kirche von Sternen betet mit uns. Werden wir uns in Gesprächen der Liebe erschöpfen?--Ein Lächeln meiner Luise ist Stoff für Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist aus, bis ich diese Thräne ergründe.

Luise. Und hättest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe?

Ferdinand (sie umarmend). Deine Ruhe ist meine heiligste.

Luise (sehr ernsthaft). So schweig und verlaß mich--Ich habe einen Vater, der kein Vermögen hat, als diese einzige Tochter--der morgen sechzig wird--der der Rache des Präsidenten gewiß ist.-Ferdinand (fällt rasch ein). Der uns begleiten wird. Darum keinen Einwurf mehr, Liebe. Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, erhebe Summen auf meinen Vater. Es ist erlaubt, einen Räuber zu plündern, und sind seine Schätze nicht Blutgeld des Vaterlands?--Schlag ein Uhr um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren. Ihr werft euch hinein. Wir fliehen.

Ferdinand (das Gesicht verzerrt und an der Unterlippe nagend). Gibst du ihn auf.

Luise. Nein! Sieh mich an, lieber Walter. Nicht so bitter die Zähne geknirscht. Komm! Laß mich jetzt deinen sterbenden Muth durch mein Beispiel beleben. Laß mich die Heldin dieses Augenblicks sein--einem Vater den entflohenen Sohn wieder schenken--einem Bündniß entsagen, das die Fugen der Bürgerwelt auseinander treiben und die allgemeine ewige Ordnung zu Grund stürzen würde--Ich bin die Verbrecherin--mit frechen, thörigten Wünschen hat sich mein Busen getragen--mein Unglück ist meine Strafe, so laß mir doch jetzt die süße, schmeichelnde Täuschung, daß es mein Opfer war--Wirst du mir diese Wollust mißgönnen?

Ferdinand (hat in der Zerstreuung und Wuth eine Violine ergriffen und auf derselben zu spielen versucht--Jetzt zerreißt er die Saiten, zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes Gelächter aus).

Luise. Walter! Gott im Himmel! Was soll das?--Ermanne dich! --Fassung verlangt diese Stunde--es ist eine trennende. Du hast ein Herz, lieber Walter. Ich kenne es.--Warm wie das Leben ist deine Liebe, und ohne Schranken wie das Unermeßliche--Schenke sie einer Edeln und Würdigern--sie wird die Glücklichste ihres Geschlechts nicht beneiden--(Thränen unterdrückend.) Mich sollst du nicht mehr sehn--Das eitle betrogene Mädchen verweine seinen Gram in einsamen Mauern, um seine Thränen wird sich Niemand bekümmern--Leer und erstorben ist meine Zukunft--Doch werd' ich noch je und je am verwelkten Strauß der Vergangenheit riechen. (Indem sie ihm mit abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt.) Leben Sie wohl, Herr von Walter.

Ferdinand (springt aus seiner Betäubung auf). Ich entfliehe, Luise. Willst du mir wirklich nicht folgen?

Luise (hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt). Meine Pflicht heißt mich bleiben und dulden.

Ferdinand. Schlange, du lügst. Dich fesselt was anders hier.

Luise (im Ton des tiefsten inwendigen Leidens). Bleiben Sie bei dieser Vermuthung--sie macht vielleicht weniger elend.

Ferdinand. Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!--Und mich soll das Märchen blenden? Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh über dich und ihn, wenn mein Verdacht sich bestätigt. (Geht schnell ab.)

Fünfte Scene.

Luise allein.--(Sie bleibt noch eine Zeit lang ohne Bewegung und stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwärts und sieht furchtsam herum.)

Wo meine Eltern bleiben?--Mein Vater versprach, in wenigen Minuten zurück zu sein, und schon sind fünf volle fürchterliche Stunden vorüber--Wenn ihm ein Unfall--wie wird mir?--Warum geht mein Odem so ängstlich?

(Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen, ohne von ihr bemerkt zu werden.)

Es ist nichts Wirkliches--Es ist nichts als das schaudernde Gaukelspiel des erhitzten Geblüths--Hat unsre Seele nur einmal Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Aug in jedem Winkel Gespenster sehn.

Luise und Secretär Wurm.

Wurm (kommt näher). Guten Abend, Jungfer.

Luise. Gott! Wer spricht da? (Sie dreht sich um, wird den Secretär gewahr und tritt erschrocken zurück.) Schrecklich! Schrecklich! Meiner ängstlichen Ahnung eilt schon die unglückseligste Erfüllung nach. (Zum Secretär mit einem Blick voll Verachtung.) Suchen Sie etwa den Präsidenten? Er ist nicht mehr da.

Wurm. Jungfer, ich suche Sie.

Luise. So muß ich mich wundern, daß Sie nicht nach dem Marktplatz gingen.

Wurm. Warum eben dahin?

Luise. Ihre Braut von der Schaubühne abzuholen.

Wurm. Mamsell Millerin, Sie haben einen falschen Verdacht-Luise (unterdrückt eine Antwort). Was steht Ihnen zu Diensten?

Wurm. Ich komme, geschickt von Ihrem Vater.

Luise (bestürzt). Von meinem Vater?--Wieder ist mein Vater?

Wurm. Wo er nicht gern ist.

Wurm. Auf Befehl des Herzogs.

Luise. Des Herzogs?

Wurm. Der die Verletzung der Majestät in der Person seines Stellvertreters-Luise. Was? was? O ewige Allmacht!

Wurm. Auffallend zu ahnden beschlossen hat.

Luise. Das war noch übrig! Das!--Freilich, freilich, mein Herz hatte noch außer dem Major etwas Theures--das durfte nicht übergangen werden--Verletzung der Majestät--Himmlische Vorsicht! Rette! o rette meinen sinkenden Glauben!--Und Ferdinand?

Wurm. Wählt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung.

Luise. Entsetzliche Freiheit!--Und doch--doch ist er glücklicher. Er hat keinen Vater zu verlieren. Zwar keinen haben, ist Verdammniß genug!--Mein Vater auf Verletzung der Majestät--mein Geliebter die Lady oder Fluch und Enterbung--Wahrlich bewundernswerth! Eine vollkommene Büberei ist auch eine Vollkommenheit--Vollkommenheit? Nein! dazu fehlt noch etwas--Wo ist meine Mutter?

Wurm. Im Spinnhaus.

Luise (mit schmerzvollem Lächeln). Jetzt ist es völlig!--Völlig, und jetzt wär' ich ja frei--Abgeschält von allen Pflichten--und Thränen--und Freuden. Abgeschält von der Vorsicht. Ich brauch' sie ja nicht mehr--(Schreckliches Stillschweigen.) Haben Sie vielleicht noch eine Zeitung? Reden Sie immerhin. Jetzt kann ich Alles hören.

Wurm. Was geschehen ist, wissen Sie.

Luise. Also nicht, was noch kommen wird? (Wiederum Pause, worin sie den Secretär von oben bis unten ansieht.) Armer Mensch! du treibst ein trauriges Handwerk, wobei du unmöglich selig werden kannst. Unglückliche machen, ist schon schrecklich genug, aber gräßlich ist's, es ihnen verkündigen--ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabei stehn, wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Nothwendigkeit zittert und Christen an Gott zweifeln--Der Himmel bewahre mich! Und würde dir jeder Angsttropfe, den du fallen siehst, mit einer Tonne Golds aufgewogen--ich möchte nicht du sein--Was kann noch geschehen?

Wurm. Ich weiß nicht.

Luise. Sie wollen nicht wissen?--Diese lichtscheue Bothschaft fürchtet das Geräusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres Gesichts zeigt sich mir das Gespenst--Was ist noch übrig?--Sie sagten vorhin, der Herzog wollte es auffallend ahnden? Was nennen Sie auffallend?

Luise. Höre, Mensch! Du gingst beim Henker zur Schule. Wie verstündest du sonst, das Eisen erst langsam bedächtlich an den knirschenden Gelenken hinaufzuführen und das zuckende Herz mit dem Streich der Erbarmung zu necken?--Welches Schicksal wartet auf meinen Vater? Es ist Tod in Dem, was du lachend sagst; wie mag Das aussehen, was du an dich hältst? Sprich es aus. Laß mich sie auf einmal haben, die ganze zermalmende Ladung. Was wartet auf meinen Vater?

Wurm. Ein Criminal-Proceß.

Luise. Was ist aber das?--Ich bin ein unwissendes, unschuldiges Ding, verstehe mich wenig auf eure fürchterlichen lateinischen Wörter. Was heißt Criminal-Proceß?

Wurm. Gericht um Leben und Tod.

Luise (standhaft). So dank' ich Ihnen! (Sie eilt schnell in ein Seitenzimmer.)

Wurm (steht betroffen da). Wo will das hinaus! Sollte die Närrin etwa?--Teufel! Sie wird doch nicht--Ich eile nach--ich muß für ihr Leben bürgen. (Im Begriff, ihr zu folgen.)

Luise. Zum Herzog. (Will fort.)

Wurm. Was? Wo hin? (Er hält sie erschrocken zurück.)

Luise. Zum Herzog. Hören Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen Vater auf Tod und Leben will richten lassen--Nein! nicht will--muß richten lassen, weil einige Böswichter wollen; der zu dem ganzen Proceß der beleidigten Majestät nichts hergibt, als eine Majestät und seine fürstliche Handschrift.

Wurm (lacht überlaut). Zum Herzog!

Luise. Ich weiß, worüber Sie lachen--aber ich will ja auch kein Erbarmen dort finden--Gott bewahre mich! nur Ekel--Ekel nur an meinem Geschrei. Man hat mir gesagt, daß die Großen der Welt noch nicht belehrt sind, was Elend ist--nicht wollen belehrt sein. Ich will ihm sagen, was Elend ist--will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des Todes, was Elend ist--will es ihm vorheulen in Mark und Bein zermalmenden Tönen, was Elend ist--und wenn ihm jetzt über der Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schluß in die Ohren schrei'n, daß in der Sterbestunde auch die Lungen der Erdengötter zu röcheln anfangen und das jüngste Gericht Majestäten und Bettler in dem nämlichen Siebe rüttelt. (Sie will gehen.)

Wurm (boshaft freundlich). Gehen Sie, o gehen Sie ja. Sie können wahrlich nichts Klügeres thun. Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß der Herzog willfahren wird.

Luise (steht plötzlich still). Wie sagen Sie?--Sie rathen mir selbst dazu? (Kommt schnell zurück.) Hm! Was will ich denn? Etwas Abscheuliches muß es sein, weil dieser Mensch dazu rathet--Wowissen Sie, daß der Fürst mir willfahren wird?

 
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